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Bildung im Alter -
eine projektive Kraft zur Lebensgestaltung.
 
 
Bildung im Alter betrifft die eigene Lebensgestaltung und die Fähigkeit, Lebensprojekte zielgerichtet mit Inhalt und Handlungen zu füllen.
Von Prof. Dr.phil. Urs Kalbermatten

Bildungsziele
Bildung kann definiert werden als der bewusste, gezielte Erwerb von neuem Wissen oder neuen Fertigkeiten. Das Verfolgen von Bildungszielen kann sich über verschieden lange Zeiträume erstrecken und kann verschiedenste Handlungen wie ein Studium, Bücher lesen, Kursbesuche, Diskussionen, Beschaffung von Materialien, soziale Kontakte und das Erlernen von Fertigkeiten umfassen. Sich bilden ist zielbewusstes, geplantes und sinnhaftes Handeln, mit dem der Mensch sich auf Neues einlässt. Alter bedingt als eine Lebensphase von 20 bis 30 Jahren, dass verschiedenste Herausforderungen an den älteren Menschen herantreten: Lebensübergänge zu antizipieren und zu gestalten, sich mit Neuerungen in Wissenschaft, Technik, Kultur und Gesellschaft auseinanderzusetzen, aber auch sein Leben im Kontext von Abbauprozessen, chronischer Krankheit und Sterben zu organisieren.

Funktion von Bildung
Bildung verbindet zwei typisch menschliche Fähigkeiten, nämlich Selbstreflexion und Selbststeuerung. Von daher leiten wir verschiedene Funktionen der Bildung im Alter ab. Durch die Pensionierung werden täglich bis zu zehn Stunden, die vorher mit Arbeit besetzt waren, zur individuellen Gestaltung freigesetzt. In diesem Kontext unterstützt Bildung Lebensorientierung und Sinnsuche. Sie zeigt Wege der Neuorientierung auf, lässt ältere Menschen sich mit neuen Lebensinhalten befassen und dient somit der Sinnfindung. Über neue Aufgaben und Rollen kommt es auch zu einem Wandel der Identität. Bildung leitet nicht nur selbstreflexiv in die Vergangenheit (Biographie), sondern sie führt zur Frage: Wer will ich im Alter werden? Eine weitere Funktion von Bildung ist, dass sie persönliche Begeisterung, Interesse und Engagement für verschiedene Lebensbereiche weckt. Eine besondere Funktion von Bildung ist die soziale Integration. Diese bewegt sich von der Ermöglichung sozialer Kontakte mit Gleichgesinnten bis zur gesellschaftlichen Partizipation.

Hindernisse für Bildung im Alter
Warum müssen wir Bildung im Alter spezifisch propagieren, wenn Bildung eigentlich ein Teil des Lebens in jedem Alter darstellt? Als erstes ist hier die enge Verbindung von Bildung mit beruflicher Orientierung zu erwähnen. Entfällt eine berufliche Perspektive, geht der Besuch von Bildungsprozessen massiv zurück. Jahre der Bildungsabstinenz erschweren einen Einstieg nach der Pensionierung. Daher befürworten wir, sich bereits während der Arbeitszeit an nichtberuflichen Themen zu orientieren. Wir versprechen uns davon einerseits einen Gewinn als einen Ausgleich zum Arbeitsleben (Kreativität, Erholung, Aufrechterhaltung der Bildungsbereitschaft) und andererseits eine nachhaltige Wirkung für eine Neuorientierung an persönlichen Sinnfeldern für das Leben nach der Pensionierung. Als weiteren Grund für eine Bildungsabstinenz im Alter führen wir die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Altersmetaphern an. Für die Gestaltung des „Ruhestandes in Wohlbefinden“ oder den „Rückzug“ („retirement“, „retraite“) braucht es sicherlich nicht viel Bildung. Diese Metaphern haben wenig projektive Kraft und bilden auch wenig Anreiz für eine Neuorientierung.

Bildungsprojekte
Für die lange Zeit nach der Pensionierung kann man neben kleinen Handlungszielen auch mittelfristige Lebensprojekte entwerfen. Damit
wird hier der Gedanke der Lebensplanung als Ausgangspunkt und Orientierungsplanke in den Vordergrund gesetzt. An sich selber ganzheitlich zu arbeiten, sich über den Sinn seiner Bildungsbemühungen Gedanken zu machen, ist der erste Schritt im Entwurf eines Lebensprojektes, d. h., dass das eigene Leben auch zum zentralen Bildungsinhalt wird. Der ältere Mensch wird im Lebenszeitraum Alter zum eigenen Lebensunternehmer, und dabei dienen Bildung sowie ihre Inhalte zugleich der Orientierungsfindung und Prozessbegleitung wie auch als Lieferant von Zielen, Bildern und Themen auf dieser Reise der Lebensgestaltung. In weiteren Schritten können dann jene Tätigkeiten und auch Kurse gewählt werden, die man als zielgerichtetes Paket im Dienste seines Lebensprojektes schnürt. Jeder Mensch entscheidet selber, was für ihn verantwortungsvolle, sinnvolle und gesellschaftlich nützliche Tätigkeiten sind. Bildung bedeutet, sich diesen Überlegungen zu stellen, eigene Barrieren zu überwinden, einen neuen Lebensabschnitt zu betreten und ihn bewusst zu gestalten. Ausgerichtet auf sein Bildungsprojekt kann in Selbstbestimmung die Mischung zwischen Leistung, Dienst gegenüber der Gesellschaft, Neuem, Kreativem, Ruhe und Gelassenheit gefunden werden. So verstanden, umfasst Bildung zwei Aspekte: einerseits sich zentrale Fragen über die eigene Lebensgestaltung zu stellen und andererseits die Lebensprojekte zielgerichtet mit Inhalt und Handlungen zu füllen. Bildung ist der Lebenswind im Alter, der uns aus der Vergangenheit holt und die Zukunft entwirft.

 
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Zur Person:
Prof. Dr.phil. Urs Kalbermatten
Professor an der Berner Fachhochschule,
Studienleiter MAS
Gerontologie und Leiter Kompetenzzentrum
Gerontologie.
 
Podcast:


Hören Sie die Sendung
Seniorenstudenten:
Der Traum vom lebenslangen Lernen.

aus SWR2 «Wissen»
 
Weitere Beiträge (PDF):
Lernmotivation und Lernkompetenz im Alter

Besser lernen im Alter mit Bewegung

Lernen im sozialen Netzwerk
 
TERTIANUM Zeitschrift



Ausgabe
März 2010
 
Buch-Tipp:



Vom Sinn
des langen Lebens